Das bedingungslose Grundeinkommen – Todesstoß für die Arbeitsmotivation?

Der Vorschlag eines staatlich garantierten bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger ist nicht neu, er wird schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Zusammenhängen und in unterschiedlicher Form angedacht und diskutiert. Neu ist hingegen, dass diese Idee in den letzten Jahren durch einen der erfolgreichsten deutschen Unternehmer, Prof. Götz Werner, dem Gründer und Hauptgesellschafter der dm-Drogeriemarkt-Kette, mit großer Überzeugung und Einsatz in die Öffentlichkeit getragen wird – und zunehmend Sympathisanten findet.

Das bedingungslose Grundeinkommen sieht vor, dass jeder Bürger ein gewisses Einkommen erhält, ohne eine Leistung getätigt zu haben. Es gibt mehrere Modelle, welche sich in der Finanzierung und dem Auszahlungsbetrag unterscheiden. Das Modell von Götz Werner sieht vor, dass jeder 1200€ an Grundeinkommen erhält und dass dies durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer finanziert wird. Es entfallen alle Sozialleistungen.

Nach Ansicht von Gerd Habermann von der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer beruht die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens auf einer Vorstellung von einem Staat, in dem alle auf Kosten aller anderen leben könnten. Die psychologischen Effekte seien ein starkes Sinken der Arbeitsmotivation, besonders bei den „Schlechterverdienenden“, sowie die Ausbreitung einer innovationsfeindlichen „Rentnermentalität“.

Der ehemalige CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte in einem Interview, er halte das Modell zwar für visionär, weil „jede Form von Sozialbürokratie wegfalle: keine Formulare mehr, keine Bedürftigkeitsprüfung.“ Allerdings könne ein Bürgergeld aber auch dazu führen, dass Menschen „sich endgültig aus der Arbeitsgesellschaft zurückziehen.“

Wenn aber das Erwerbsarbeitsangebot unter ein kritisches Niveau sinkt, würde das die Versorgung der Gesellschaft mit notwendigen Gütern und Dienstleistungen gefährden – die Produktivität und der Gesamtwohlstand der Gesellschaft wären bedroht.

In den 70er Jahren gab es von der US-Regierung Pilotprojekte, um die praktischen Folgen eines garantierten Mindesteinkommens zu testen. Zu ihrer Überraschung stellte sich heraus, dass der Antrieb, sich eine Arbeit zu suchen, bei den Empfängern nicht nennenswert schwächer wurde!

Wie passt das zusammen? Anthony Giddens, ein britischer Soziologe, hat die unterschiedlichen Funktionen, die Arbeit für den Menschen erfüllt, untersucht. Die wichtigsten Merkmale sind demnach:

Geld – Da im bestehenden System Arbeitseinkünfte die hauptsächliche Geldquelle für die meisten Menschen sind, sind sie eines der wesentlichsten Merkmale von Erwerbsarbeit. Giddens spricht auch von „Ängsten bezüglich der Bewältigung des alltäglichen Lebens“, wenn ein derartiges Einkommen fehlt. Im Zeitalter eines bedingungslosen Grundeinkommens würde dieser Aspekt zweifellos deutlich in den Hintergrund rücken.

Aktivitätsniveau und Abwechslung – Erwerbsarbeit bietet Menschen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, und sie zu verbessern. Auch wenig interessante Arbeiten bieten zumindest eine Struktur, um sich produktiv zu betätigen. Arbeitende Personen stehen vor Aufgaben, die es zu meistern gilt. Außerdem unterscheiden sich Situationen, denen man beim Ausüben von Erwerbsarbeit begegnet, zumeist von Tätigkeiten, die nicht im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit stehen. Arbeit sorgt also für Abwechslung. Schon allein, weil man dafür meist an einen anderen Ort, „den Arbeitsplatz“ geht.

Zeitstruktur – Für viele Menschen bietet ihre Erwerbsarbeit einen Rhythmus, der entscheidend für ihre gesamte Zeitplanung ist. Auch wenn viele Menschen es als unangenehm empfinden, so stark an ihre Erwerbsarbeit gebunden zu sein, zeigen Untersuchungen, dass das Fehlen einer Zeitstruktur noch belastender sein kann.

Sozialkontakt – Der Arbeitsplatz bietet häufig die Gelegenheit, sich mit anderen Menschen (Kollegen, Kunden, Lieferanten, Gästen, Patienten, Klienten etc. etc.) auszutauschen. Oft sind Menschen, die zusammen arbeiten, auch über das Arbeitsumfeld hinaus befreundet. Menschen ohne Arbeit haben jedenfalls eine Gelegenheit weniger, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Persönliche Identität – Mit einem Beruf ist häufig auch eine bestimmte Lebenseinstellung und ein gewisses Image verbunden. Vielen Berufsgruppen werden Lebensweisen zugeschrieben, die mit dem Ausüben der Erwerbsarbeit nichts oder wenig zu tun haben. Mit dem Beruf geht eine soziale Identität einher. Für viele Menschen ist das der entscheidende Motivationsfaktor.

Man kann durchaus annehmen, dass die Einführung des Grundeinkommens das Erwerbsarbeitskräfteangebot beeinflussen würde. Es gibt erwerbsfähige Gesellschaftsmitglieder, die mit einem Grundeinkommen keine Motivation zum Erwerbsarbeiten hätten. Die Funktionen, die Arbeit für einen Menschen erfüllen kann, gehen aber weit über das Erlangen von Geldmitteln hinaus. Man kann also folgern, dass der Rückgang beziehungsweise die Steigerung des Erwerbsarbeitskräfteangebots in manchen Berufssparten stärker ausfallen würde, in anderen weniger stark, abhängig von der gesellschaftlichen Akzeptanz der Arbeit und davon, wie identitätsbildend und sinnstiftend sie ist.

Eins steht fest: Auf die Unternehmen kämen ganz neue Herausforderungen im Bereich „Mitarbeiterbindung“ zu…

Weitere Informationen zum Grundeinkommen gibt es auf Wikipedia und auf der Seite von Götz Werner. Interessant ist auch diese Diplomarbeit, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Grundeinkommen und Arbeitsmotivation befasst.
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2 Antworten auf Das bedingungslose Grundeinkommen – Todesstoß für die Arbeitsmotivation?

  1. Anja Spohr sagt:

    Da hat er ja nicht unrecht, der Herr Pofalla, dass so eine Idee visionär ist. An Visionen muss man aber auch arbeiten, damit sie Realität werden können und sie nicht einfach abhaken. Vermutlich ist es im Moment so nicht umsetzbar, weil es noch ein relativ weiter Weg ist, in Arbeitsbeziehungen gegenseitige Erwartungen klar zu kommunizieren. Dies ist meines Erachtens eine wichtige Grundlage dafür, dass Arbeit zukünftig weniger ausschließlich dazu dient, Geld zu verdienen und sich selbst zu verwirklichen, sondern um ihrer Selbst willen verrichtet wird. Wenn wir soweit kommen, oder dem auch nur ein Stückchen näher, ist die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen eine gesellschaftlich und individuell sehr gesunde.

    • Girver sagt:

      Naja, aber in den Studien, in denen die Konsequnezen von Steuererhf6hungen und Steuersenkungen gemacht urdwen, ffchrten letztere zumeist zu hf6herem Staatsbudget. Dies veranlasste schliedflich Laffer dazu, insgesamt zu niedrigeren Steuerse4tzen zu tendieren. Und Laffer ist wahrlich kein ,,Ideologe” unter den d6konomen, sondern viel eher ein Pragmatiker.Ffcr 0% bin ich ja auch gar nicht, wfcrde sie aber als wesentlich effizienter als 100% erachten. Bei 100% wfcrde niemand arbeiten und wenn doch, dann we4re er ein Sklave.Der Steuersatz sollte dennoch minimal sein, da es viel effizienter we4re, den Staat als Akteur zu reduzieren, um z.B. Monopole und mangelnde Konkurrenz zu verhindern. Bei der Infrastruktur, z.T. bei der Bildung und der Polizei sollte der Staat hingegen mitwirken.

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